• Norbert Opfermann

Alle zwei Jahre wird Altenbeken zum El Dorado für Eisenbahnfans. Auch in der 9. Auflage gaben sich historische Sonderzüge ein Stelldichein beim diesjährigen Viaduktfest "Vivat Viadukt" vom 5. bis 7. Juli.



Dampflokparade in Altenbeken am 7. Juli 2019.


Das Eisenbahnspektakel ist ein Augen- und Ohrenschmaus und Geruchserlebnis für alle Fans von Dampfloks. Schnaufende Stahlkolosse, eine Prise Rauch von Kohlen, Wasserdampf und Maschinenöl und der Blick in die rußverschmierten Gesichter von Lokführern und Heizern lässt das Herz eines wahren Eisenbahnromantikers höher schlagen. Aus allen Himmelsrichtungen reisten Nostalgiezüge auf Sternfahrt zum Bahnknotenpunkt am westlichen Fuß des Eggegebirges. Das Fest soll an die Eisenbahntradition des Ortes erinnern. Kein Wunder, ist die Gemeinde Altenbeken doch eng mit der Geschichte der Bahn verbunden. Sie ist ja auch beinahe allerorten zu spüren, wohl auch weil Generationen von Altenbekenern bei der Bahn in Lohn und Brot standen. Viadukt, Bahnhof, Betriebwerk und der Rehbertunnel durch das Eggegebirge waren die Ursprung der Entwicklung des Dorfes Altenbeken zu einer Gemeinde, die ihre heutige Größe fast ausschließlich der Eisenbahn zu verdanken hat. Der Eisenbahnviadukt, der sich auch im Wappen der Gemeinde Altenbeken wiederfindet, ist die größte steinerne Eisenbahnbrücke Europas. „Ich habe geglaubt, eine goldene Brücke vorzufinden, weil so schrecklich viele Taler verbraucht worden sind!“, soll der preußische König Friedrich Wilhelm IV. bei der Eröffnung 1853 gestöhnt haben.


Bei zahlreichen An‐ und Abfahrten, natürlich auch im Pendelverkehr, gab es reichlich Gelegenheit, Camcorder und Digitalkamera zum Einsatz zu bringen und Nostalgie pur für die Ewigkeit festzuhalten. Beim diesjährigen Fest reisten so viele Dampf‐, Diesel und Elektrolokomotiven an, wie nie zuvor. Wir reisten mit dem Schienenbus der AKE-Eisenbahntouristik von aus Köln an. Unsere Fahrt führte über die Müngstener Brücke, mit 107 Metern die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands. An manchen Tagen ist die Brücke sogar in Nebel und Wolken gehüllt. Doch heute zeigte sich die Brücke unverhüllt und wir hatten einen weiten Blick ins Tal der Wupper.



Die Rekordlok der Baureihe 110.

Bei der Fahrt über das Altenbekener Viadukt ließen die zahlreichen Fotografen am Schienenstrang ihre Kameras klicken. Das Wetter war recht herbstlich, nur wenn die Sonne ab und zu aus der grauen Wolkendecke hervorlugte wurde es warm. Wir kamen gerade rechtzeitig an zur Ankunft der ältesten Teilnehmerin des diesjährigen Festes: der 96 Jahre alten Dampflok78 468, einer in Lengerich beheimateten preußischen T18, die mit historischen Wagen aus den 1930er-Jahren aus Rheine anreiste. Zum diesjährigen Fest waren mehrere Gastlokomotiven der Baureihe E 10 zu bestaunen. 110 300 ist dabei keine normale E10-Serienlokomotive. Mit ihr wurden Anfang der 1960er-Jahre Bauteile und Komponenten für die spätere Schnellverkehrselektrolokomotive der Baureihe E03, später BR 103, erprobt. Am 22. November 1963, und damit schon drei Tage nach ihrer Abnahme, erreichte die Lok erstmals die 200 km/h-Marke. Seit 2015 erstrahlt 110 300 wieder in der oceanblau/beigen Lackierung der späten 1970er-Jahre. Die 115 114-1 und die E41 001 des DB-Museums Koblenz waren ebenfalls zu Besuch gekommen. Die Baureihe 141 (E41) war seit Anfang der 1970er-Jahre (Elektrifizierung der Strecken Kassel - Paderborn - Hamm und Altenbeken - Hannover) rund um Altenbeken im Reisezugdienst im Einsatz und wurde erst im Jahr 2002 durch Neubautriebwagen ersetzt.


Das historische Bahnbetriebswerk hat eine voll funktionsfähige Drehscheibe. Hier konnten wir die Dampflokomotiven beim Bekohlen und Wassertanken fotografieren. Einen historischen Wasserkran gibt es nicht mehr, so dass die Feuerwehr mit einem Schlauch aushalf. Vor dem Ringlokschuppen standen weitere historische Lokomotiven wie die Dampflokomotiven 43 681-6 und 44 424-0. Bestaunt werden konnten auch 051 724-3, 220 053-3, 236 255-6, 323 104-0 und 332 008-2. Ausgestellt werden ausschließlich Lokomotiven, wie sie in den 1970er-Jahren ständiger Gast im Betriebswerk Altenbeken waren. Neben den Dampflokomotiven war Altenbeken berühmt für die formschönen Lokomotiven der Baureihe 220 (V 200), die zu Zeiten des Deutschen Wirtschaftswunders gebaut worden sind.


Viel los in Altenbeken

Während Eisenbahnliebhabern auf dem Bahnhof von historischen Dampf- und Diesellokomotiven mächtig eingeheizt wurde, gab es jede Menge Straßendampf im Festgelände zu erleben. Dort rauchte und pfeifte es überall und in der Luft lag ein Geruch von verbrannter Kohle, Wasser und Öl. Modellbauer präsentierten Präzisionsarbeit vom Feinsten: von den kleinsten Anlagen im Spur-Z-Bereich (Maßstab 1:220) über die Spurweiten N, TT und HO (Maßstab 1:87) bis hin zu mitfahrbereiten Gartenbahnen war alles vertreten, was das Modellbahnerherz erfreut. So mancher machte hier beim Kauf ein Schnäppchen. Kinder konnten im Vivat Kinderland spielen. Auf der Open-Air-Bühne gibt es zum Viaduktfest regelmäßig Kulturelles: von Freitagabend bis Sonntag Musiker, Kabarettisten, Chöre & Orchester sorgen alle zwei Jahre für Kurzweil. Die Besucher schoben sich dabei durch die Bahnhofsstraße bis ins Zentrum. So viele Menschen sieht der 9.000-Seelen-Ort sonst nur beim Schützenfest.



Das Viadukt ist längst ein Magnet für Touristen

Die Gemeinde hat die Chance ergriffen, um das Viadukt besonders zu vermarkten: Unter dem Namen „Vivat Viadukt“ feierte Altenbeken vom 11. bis zum 21. Juli 2003 das 150-jährige Bestehen des Viaduktes. Über 40.000 Besucher kamen damals nach Altenbeken. Weil das Fest so erfolgreich war, beschloss man, es als Stadt- und Bahnhofsfest alle zwei Jahre zu veranstalten. Seit Dezember 2003 sind 20 der insgesamt 24 Bögen bei Dunkelheit beleuchtet und sorgen für eine einzigartige Atmosphäre. Dann leuchtet die Brücke gülden, als wenn sie aus Goldbarren erbaut wäre.



Das Altenbekener Viadukt. Foto: Wikifreund CC BY 2.5



Die besondere Eisenbahnatmosphäre Altenbekens lässt sich Sie am besten bei einer Wanderung auf dem Viadukt-Wanderweg kennenlernen. Der rund 30 km lange Rundweg (Abkürzungen sind möglich) ist eine gelungene Kombination aus Eisenbahn- und Naturerlebnis. Die gepflegten und gut markierten Wege eröffnen immer wieder fantastische Ausblicke auf den mächtigen Eisenbahnviadukt. Der Deutsche Wanderverband zeichnete den Viadukt-Wanderweg seit 2009 durchgehend als „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“ aus. Die am Fuße des Viadukts gelegene Treppenanalge führt zur oberen Aussichtsplattform, die Eisenbahnnostalgikern und Hobbyfotografen einen spektakulären Blick beschert. Und am Fuße des Viaduktes entstand ein künstlerischer Nachbau des großen Vorbildes, der Vista Point. Hier haben die Schlusssteine des Viadukts einen würdigen Platz gefunden, die beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder eingesetzt werden konnten. Dort lässt es sich vor der imposanten Kulisse gut rasten. Besucher erfahren viel Wissenswertes über die mehr als 160-jährige Geschichte des Bauwerks wie Bau, Zerstörung und Wiederaufbau und Bedeutung im Netz der Bahn anhand einer Dreiecks-Info-Trommel in den Sprachen Deutsch, Niederländisch und Englisch.



Mehr Eisenbahn-Nostalgie gibt es in meinen Büchern aus der Reihe Eisenbahn-Nostalgie.





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©2020 by Norbert Opfermann Journalist